Als ich das letzte Mal in Indien war, verbrachte ich
einige Tage als Ausklang mit einem Bekannten in einem kitschigen,
künstlich geschaffenen Tourismus-Spot.
Unsere Tage begannen mit
einem ausgedehnten Frühstück inklusive Rundumblick aufs Meer. Ebenso wie
täglich Tümmler mitten unter Schwimmern die Bucht durchzogen, variierte
täglich die Frühstücksabfolge: Milch, Kaffee, Eierspeise auf gebratenem Gemüse,
Gebäck, Butter, Marmelade, Mangosaft. Das Ganze nannte sich israelisches
Frühstück und bestach durch seine lokalen Variationen. Die Teile kamen
einzeln und stets in einer anderen Reihenfolge und veränderten Paarung. 7
Teile derart vielfältig zu gestalten war an sich beachtlich.
Täglich
"belehrte" mein Bekannter die Kellner: Er wolle zuerst Kaffee, Milch,
Gebäck, Butter und Marmelade und dann die Eierspeise auf Gemüse mit dem
Mangosaft. Ich weiß nicht, was mehr Eindruck auf mich machte: Der
interessiert gelehrige Blick der Kellner, der unmissverständlich
versprach, es "morgen" richtig zu machen, oder die großväterliche Geduld
- im Wissen der Sinnlosigkeit des Unterfangens - meines Bekannten. Im
Grunde genommen war es für beide Seiten lediglich ein
Gesellschaftsspiel, bei dem alle Mitspieler wussten, dass auch am
nächsten Tag der Kaffee mit der Eierspeis, der Mangosaft mit der Butter
und Marmelade, und - erst auf Nachfragen - das Gebäck mit der Milch
kommen würden. Oder irgendwie anders. Den Kellnern und uns war das Nacheinander
des Frühstücks ebenso egal wie den Tümmlern und Schwimmern ihr
Nebeneinander. Alles verlief in einer Übereinstimmung, die nicht
bestimmt war. Die sich nicht bestimmen lässt. Die kommt und vergeht, die
einfach geschieht.
Es war eine Stunde der Integrität, bei der
jeder Eingriff von außen nur Gewalt gewesen wäre, die nichts verbessert
hätte, die sinnlos zerstört hätte.
Ziemlich zum Schluss der
Überraschungsfrühstücke trat er auf. Ein Inder im Dhoti, der seine Kuh
grasen führte. Beide strahlten eine Vollendung aus. Die eine delektierte
sich am saftigen Grün und der andere las geruhsam seine Zeitung. Wenn
man die Beiden beobachtete, verblassten Erinnerungen von Milchfabriken,
in denen hunderte von Kühen ohne jeden Kontakt zur Außenwelt in einem
maschinellen Produktionsverfahren nur mehr als leicht störanfällige,
leicht austauschbare Nebenrollen eingeplant sind. Wir wussten
nicht, ob die Kuh einen Namen hatte. Ich hätten sie Auðumbla
genannt. Denn wir sahen, dass sie beide vorbehaltlos ihrer Bestimmung folgten; und dadurch Großes vollendeten.
Der
Inder wird sich nie ein israelisches Frühstück leisten können.
Wahrscheinlich kennt er überhaupt kein Verlangen danach. Wenn er so alt
sein wird, wie ich war, würde er sich aufs
Sterben vorbereiten, und so alt wie mein Bekannter würde er nie werden.
Eine hohe Lebenserwartung ist kein Menschenrecht, sondern ein regionales
Privileg. Und trotzdem erschien er jeden Tag selbstbewusst wie ein
englischer Lord. Statt mit Melone im Dhoti, statt mit Butler mit Kuh.
Aber mit Zeitung wie ein echter Lord.
Integrität. Unversehrtheit.
Während ein Lord, um als Lord zu leben, etliche Acres ihrer natürlichen
Unversehrtheit entreißen muss (oder besser gesagt, entreißen
lassen muss), nutzten beide im künstlichen Tourismus-Indien die noch verbliebene Unversehrtheit ohne sie zu missbrauchen.
Meist
verstummten wir dann. Wir gestanden uns am letzten Tag, ähnlichen
Gedanken nachgehangen zu haben. Ist ein Leben mit Rundumblick und
israelischem Frühstück, das 70 oder 80 Jahre dauert, voller, als ein
Leben im Dhoti mit Kuh, das 50 oder 60 Jahre währt? Oder gar reicher?
Wir wussten es nicht. Uns fiel nur unabhängig von einander "integer" ein.
Mein
Bekannter ist nicht mehr. Er verstarb im Krankenhaus. Ein gemeinsamer
Bekannter richtete mir aus, dass er seinen letzten Tag als
menschenwürdig empfunden hätte: Er konnte noch einmal alleine aufs Klo
gehen.
Ob er noch einmal an den Inder im Dhoti mit Kuh gedacht hat?
An eine Zeit der Ordnung? Der Unbestechlichkeit? Sicher ist, der Inder im Dhoti mit Kuh hat nie an uns gedacht. Er hat
uns ja nicht einmal wahrgenommen; für ihn hatten wir statt Integrität nur ein
israelisches Frühstück mit Rundumblick.
Für uns scheint die Integrität des Lebens erst wenn sie unausweichlich geworden ist zu beginnen, beim Sterben.
Integrität:
Ordnung, Sicherheit, Aufrichtigkeit, Anständigkeit, Korrektheit, Ehrenhaftigkeit, Gerechtigkeit, Rechtschaffenheit, Redlichkeit, Zuverlässigkeit, Vertrauenswürdigkeit, Unbestechlichkeit, Makellosigkeit, Ehrlichkeit, Unversehrtheit, Unbescholtenheit.
Am ehesten führt noch die Kuh ein Leben in Integrität.